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Vortrag "Labore der Weltgesellschaft: Zur politischen Ökologie transnationaler Meeresexpeditionen"  in der Diskussionsreihe "Wissenschaft und Politik" des Arbeitsbereiches Politische Soziologie an der Universität Bielefeld am 10.7.2019.
Silent Spring 2020

Als Rachel Carson ihren Bestseller 1962 veröffentlichte, wirkte die Wucht des Buches nicht zuletzt durch den schlichten und eben deshalb so packenden Titel. Frühling und Stummheit, ein Widerspruch, der schon bei der Lektüre einen fast körperlichen Schmerz verursacht. Denn der Frühling ist das Gegenteil von stumm. Er ist das Erwachen, die Wiederkehr des Lebens, der Natur, die sich vor ihrer monatelangen Zurückgezogenheit nur noch praller in die Sinne zurückbringt. 

Das Unkrautvernichtungsmittel DDT hatte Ende der 1950er Jahre in den USA dafür gesorgt, dass ganze Landstriche über Monate nicht nur insektenfrei wurden, sondern auch alle anderen Tiere sich zurückzogen. Die Stummheit bezog Carsons, die Biologin, auf die Abwesenheit der unüberhörbaren Botschafter des Frühlings – der Singvögel. 

Dieser Frühling im Jahre 2020 ist ebenfalls stumm. Doch diesmal sind es nicht die Vögel, deren Gesang wir vermissen. Es ist die Abwesenheit des Gesellschaftslebens, hervorgetrieben durch die unsichtbare Allgegenwart eines tödlichen pandemischen Virus. Anders als 1962 kann niemand direkt für diese tödliche Stille verantwortlich gemacht werden. Keine Pestizidfirmen, keine Regierungen, keine Rechtsextreme, keine Terroristen, Gangs oder Kapitalisten. 

Und so werden wir stumm, weil es unsere einzige Möglichkeit ist, diesen Angriff zu überleben. Statt mit Waffen, Gesetzen und den sonst üblichen Mitteln loszuziehen, ziehen wir uns zurück. Wir verstummen in einer apokalyptischen sozialen Leere und spüren, wie sehr uns diese physische Abgeschlossenheit zusetzt. Immer wieder heißt es, es wird den Menschen viel abverlangt. Das stimmt. Wir sind soziale Tiere. Augen-Blicke, eine Berührung des Arms im Gespräch, eine Umarmung, sogar das Anrempeln und darüber Schimpfen, oder sich zu entschuldigen – all das gehört ganz selbstverständlich zu unserem Dasein wie Essen und Darmentleerung. 

Eine Traurigkeit macht sich in mir breit, die ich nicht kannte. Denn zu dem Zwang, zu verstummen, sich aus dem Gesellschaftsleben zurückzuziehen, kommt die Sorge um die Freunde, Verwandten, sich selbst. Um das gemeinsame Leben, die Zukunft. Um mögliche Verluste, von denen ich nicht weiß, ob und wie ich sie verkraften soll, wenn ich nicht selbst zu denen gehöre, die gehen. 

Der stumme Frühling 2020 lässt vielleicht erahnen, wie sich Krieg anfühlen muss. Etwas, was meine und die Generation meiner Eltern nicht direkt kannten bisher. Hoffentlich lernen wir etwas aus diesen Gefühl. Vergessen es nicht, nehmen es mit in eine hoffentlich bald wieder klangvollere Zeit. Vergessen nicht die Dankbarkeit für das, was wir haben. Vergessen nicht das erfahrene Mitgefühl, die Empathie und Wertschätzung, den Pragmatismus und den Zusammenhalt, die diese Tage auch prägen. Sie können ermöglichen, aus dieser Krise gut und gestärkt hervorzugehen. Und Stummheit nicht mehr als schreckliche Erinnerung an das Gegenteil von Leben zu empfinden. Sondern als ein Innehalten und Durchatmen. Für das gemeinsame Leben. Mit einer Natur – die im Gegensatz zu uns Menschen nun endlich einmal aufatmen kann. Ganz und sogar viel besser ohne uns auskommend, singt sie uns unerbittlich jeden Morgen das Lied des Lebens. Wie gut das tut. Hören wir darauf.